Warum der Wechsel von van der Vaart zurück zum HSV vorhersehbar war

Die Ausgangslage: HSV mit schwachem Saisonstart in Abstiegsangst

Der HSV, einziges ununterbrochen erstklassiges Bundesliga-Gründungsmitglied, ist im August 2012 miserabel in die 50. Bundesligasaison gestartet. Die Mannschaft und vor allem Trainer Thorsten Fink sowie Sportchef Frank Arnesen stehen massiv in der Kritik. Ihnen werden Versäumnisse und Inkompetenz und noch schlimmer: Naivität bei der Zusammenstellung des Kaders vorgeworfen. Fans und Verantwortliche des HSV sehen sich der ernsten und nicht unwahrscheinlichen Bedrohung des ersten Bundesliga-Abstiegs ihres Vereins gegenüber, mit unübersehbaren Folgen für die Reputation und Wirtschaftskraft des Vereins — und das Selbstverständnis der Verantwortlichen. Guter Rat ist teuer. Die Finanzen des Klubs sind auf das Äußerste angespannt. Mit einem Kraftakt wurden für jeweils (!) 4 Mio. € die Spieler Jiracek und Badelj zu Beginn der Transferperiode verpflichtet, die kurzfristig die Erwartungen an einer Verbesserung der sportlichen Leistung nicht erfüllen.

Unternehmer, Mäzen und HSV-Edelfan Klaus-Michael Kühne bringt zum wiederholten Male eine Idee ins Gespräch: eine Verpflichtung des ehemaligen Stars und Lieblingsspielers Rafael van der Vaart. Der Holländer steht zum damaligen Zeitpunkt bei Tottenham Hotspur aus der ersten englischen Liga unter Vertrag. Kühne verspricht eine mögliche Verpflichtung durch ein großzügiges Darlehen finanziell zu unterstützen, d.h. faktisch überhaupt erst zu ermöglichen. Die Transferperiode endet in vier Tagen.

 

Die Frage: Van der Vaart verpflichten oder nicht?

Wird der Vorstand in dieser sportlich und finanziell prekären Situation einen Spieler verpflichten, von dem nicht sicher ist ob und wie schnell er dem Verein helfen kann, der 2008 durchaus mit unangenehmen Begleiterscheinungen den Verein auf eigenes Bestreben verließ, dessen Verpflichtung die Mitsprache des Großinvestors Kühne zementiert, die finanzielle Situation des Vereins nachhaltig verschlechtert und Trainer wie Sportchef demonstrativ desavouiert?

 

Das Ergebnis: Viel Geld für van der Vaart, das der HSV nicht hat

Nach zähen auch nächtlichen Verhandlungen einigt sich der HSV-Vorstand mit dem Präsidenten der Tottenham Hotspur Daniel Levy auf einen unmittelbaren Wechsel des Fußballers. Dem Vernehmen nach liegen die Konditionen für den Wechsel näher am Mehr-können-und-werden-wir-nicht-bezahlen-Wert des HSV als am Für-weniger-geben-wir-ihn-nicht-her-Wert der Briten (siehe dazu den Blogbeitrag War die Ablösesumme für van der Vaart gut vom HSV verhandelt?)

 

Warum war die Verpflichtung van der Vaarts aus verhandlungs-theoretischer Sicht vorherzusehen?

Entscheidend für die Beurteilung der Vorhersagbarkeit ist die Situation des HSV Vorstands.

Für eine Beschreibung seiner Ausgangslage müssen nur zwei Szenarien beurteilt und miteinander verknüpft werden:

  1. Van der Vaart kaufen? Ja oder Nein?
  2. Ist der HSV am Saisonende 2012/13 abgestiegen? Ja oder Nein?

Ein Abstieg des HSV im Sommer 2013 wäre die größte anzunehmende Katastrophe aus der Sicht des amtierenden Vorstands. Wurde im Sommer 2012 die Chance vertan einen Spieler zu verpflichten, der vielleicht die Mannschaft vor dem Abstieg gerettet hätte, würden Fans und Aufsichtsrat die Schuld dafür dem Vorstand geben, gleichbedeutend mit dem Ende seiner Amtszeit. Wurde der Spieler gekauft, der Abstieg dennoch nicht vermieden, kann der Vorstand für sich in Anspruch nehmen alles, aber auch wirklich alles, versucht zu haben um den Abstieg zu vermeiden.
Hält der Verein die Liga, ohne dass van der Vaart gekauft wurde, wird die einhellige Meinung sein: Glück gehabt.
Hält der Verein die Liga und der Vorstand hat die Verpflichtung vorgenommen, hat er alles richtig gemacht. So einfach ist es!

 

Matrix für

Abstieg

den Vorstand

ja

nein

Kauf nein

-100

±0

ja

-50

+50

Diese sogenannte Pay-Off-Matrix ist aus der Spieltheorie bekannt. Es wird klar ersichtlich, dass „Kauf“ für beide mögliche Ergebnisse „Abstieg“ und „Nicht-Abstieg“ für den Vorstand die bessere Alternative ist.

Deshalb war klar, dass der Vorstand in der gegebenen Konstellation die Verpflichtung von Rafael van der Vaart unbedingt realisieren muss, fast egal zu welchem Preis, zumal Milliardär Kühne weitreichende Zusagen gemacht hat, viel weiter reichend als ihm wohl selbst bewusst war (siehe dazu Blogbeitrag Wann ist genug genug?).

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